Das Land, das ich nicht kenne

Kennen Sie das Gefühl, dass Sie einfach nur stören? Herzlich Willkommen in Zittau!

Tagebucheintrag, vom 25. Mai 2018

Seit über 20 Jahren reise ich an die verschiedensten Orte slawischer Länder, um dort mit Menschen vor Ort Theater zu machen. Noch nie bin ich bei dem Versuch der Kontaktaufnahme so oft gescheitert wie in Zittau, Hagenwerder und anderen sächsischen Städten.

Damit meine ich gar nicht einmal die augenscheinlich „rechten“ Jugendlichen am Bautzener Bahnhof, die mich mit den Worten “Verpiss dich, Alter!” wieder wegschicken wollten.

Viel schwieriger war es beispielsweise mit Geflüchteten oder den Ortseinwohnern Sachsens, die man so auf der Straße traf. Sie ließen mich regelrecht auflaufen. Die Geflüchteten wollten entweder nicht mit mir sprechen – oder aber sie erzählten mir genau das, wovon sie glaubten, was ein linksliberaler Mensch hören möchte.

Georg Genoux unterwegs in Sachsen
© Felix Kriegsheim

Eisbecher und Fußball auf der Playstation

Die Geflüchteten und Ortseinwohner Sachsens haben sehr viel gemeinsam: Beide wollen sie in Ruhe gelassen werden von dem Mann, der ihnen ihre Geschichten klauen und damit Theater und Film machen will.

Eine Gruppe afrikanischer Jungs, mit denen ich einen Monat versucht hatte Kontakt aufzunehmen, spielten lieber eine „Fußball“ mit der Playstation auf ihrem neuen Plasma-Bildschirm im Wohnheim.

Die Ortsbewohner essen lieber große Eisportionen in riesigen Eisbechern. Nie habe ich einen Ort gesehen, in dem so viele Menschen so große Eisportionen essen.

Beide Gruppen leben parallel in ihrer eigenen Welt, kommen kaum miteinander in Kontakt, und wollen vor allen Dingen nicht gestört werden.

Ich bin wahrscheinlich hunderte von Kilometern in Zittau und Umgebung durch die Straßen gelaufen, um Menschen für mein Theaterstück zu gewinnen. Nicht ein Mensch, den ich auf der Straße ansprach, erklärte sich bereit in meiner Theaterinszenierung mitzuwirken. Das Interesse der afrikanischen Jungs nahm tagtäglich ab, je mehr sie erfuhren, das ich sie darum bitten würde, etwas über sich zu erzählen. Überhaupt etwas von sich preiszugeben scheint für die meisten von ihnen und den Menschen aus Zittau und Sachsen eine Qual zu sein.

Desinteresse in Sachsen?

Die meisten Jugendlichen und Erwachsenen wollen nicht mit fremden Kulturen in Kontakt kommen. Warum soll man sie dazu zwingen? Keiner spürte ja gar eine Notwendigkeit.

Vieler meiner afrikanischen Freunde nannten Zittau “einen Ort von alten Menschen

Ja, selten in Deutschland habe ich so viele Menschen mit Rollator gesehen. Die meisten Menschen in der Umgebung von Zittau wollen einfach nur für sich sein. In der Bimmelbahn zum Gebirgsausflugsziel Olbyn bleiben Deutsche und Polen unter sich. Steigen Deutsche ein, werden die Deutschen von den Deutschen freudig begrüßt. Steigen die Polen ein, begrüßen sie nur – und etwas zurückhaltender – die anwesenden polnischen Fahrgäste.

Afrikaner begrüßen auf der Straße Afrikaner, und die Deutschen die Deutschen. Deutsche Mädchen würden nie händchenhaltend mit einem Afrikaner oder Afghanen durch die Straßen Zittaus laufen.

Chemnitz scheint sehr fern zu sein

Es ist allerdings sehr friedlich in dieser Stadt. Ich spüre keine besondere Aggression der Gruppen. Chemnitz scheint sehr fern zu sein. Die meisten Zittauer, mit denen ich sprach, stören die Migranten auch nicht, so lange sie “unter sich bleiben”. Oder wie in der kleinen Nachbarstadt Ostritz es nur eine Familie gibt, die “immer höflich grüßen”.

Ostritz wurde ja in den vergangenen Jahren bekannt, weil dort Neonazis Hitlers Geburtstag in einem Hotel feierten. Weniger bekannt ist dagegen, dass die Mehrheit der Einwohner eine Gegenfeier für Toleranz und Miteinander organisierten. Wobei auch AfD-Wähler dabei waren.

„Ausländer werden hier nicht gemocht, aber stören tun sie auch nicht besonders”, wie mir eine Gruppe von sportlichen Jugendlichen auf einem selbstgebauten Skaterplatz versichern. Nur plötzlich bricht es aus einem der Jungs heraus:

‚Wenn diese Typen denken, sie können mit unseren Mädels so etwas machen wie mit denen in Köln damals, dann brennt hier aber die Hütte‘. Er kriegt sich vor aufsteigenden Hassgefühlen kaum wieder ein. Die anderen Jungs ignorierten seinen Wutausbruch. Schon bald sind sie schon wieder auf ihren Rennrädern und Skateboards auf der Rampe.

Warum mich ausgerechnet Zittau so interessiert?

„Es gibt doch die Orte, wie Bautzen oder Hoyerswerda, wo die ‚Hütte schon brannte‘. Wo ich Neonazis offen auf der Straße so selbstverständlich spazieren gehen gesehen habe, wie Punks in Berlin Kreuzberg und Ottensen in Hamburg. In Zittau habe ich nicht einen Neonazis gesehen. Es gibt keine Gewalt gegen Migranten. Die KellnerInnen in den Cafes sind sehr bemüht freundlich, wenn ich dort mit einem der afrikanischen Jungs sitze. Sie fragen mich immer sehr höflich, ‚was er denn bestellen möchte‘

Georg Genoux

In dieser Ratlosigkeit traf ich hier auf einen Kickboxer, eine Tierpflegerin und die kleine Stadt Hagenwerder mit 700 Einwohnern, die mein „sächsisches Leben“ auf den Kopf stellten. Doch davon später mehr in meinem Tagebuch …