Gerechtigkeit für Sachsen

Theaterinszenierung

„Gerechtigkeit für Sachsen“

von Georg Genoux

und der konzeptionellen Mitarbeit von Anastasia Tarkhanova

 

Gerhart-Hauptmann Theater in Zittau
In Zusammenarbeit mit Menschen aus Zittau, Hagenwerder und vielen weiteren Teilnehmern.*

Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau
© Felix Kriegsheim

Das Projekt ist ein fortlaufender Prozess aus Gesprächen mit Menschen aus Sachsen. Sie alle haben verschiedene Lebenswege eingeschlagen und deshalb unterschiedliche Ansichten zu gesellschaftlichen sowie politischen Themen. Gemeinsam mit Georg Genoux sprechen sie über ihre Heimat, ihre persönlichen Geschichten und erarbeiten so eine Textfassung für die Theaterinszenierung – mal im Dialog, mal alleine. Sie selbst übernehmen dabei nicht nur die Rolle der Autoren, sie werden gleichzeitig auch Darsteller des Stücks.

Theaterpremiere

03. Oktober 2018, Tag der Deutschen Einheit

 

„Längst ist Genoux in Hagenwerder kein Fremder mehr, eher ein Kuriosum. Die Leute können ihn nicht verorten: Mit seiner Freundin spricht er Russisch, er isst Hackbraten und trinkt Pfeffi wie ein Einheimischer. Genoux sagt: „Ich habe in Sachsen keine Rassisten getroffen. Ich habe nur Menschen getroffen, die Angst haben vor Fremden.“ Vor Fremden oder Fremdem? – „Beides.“ Viele hätten noch nie mit einem Geflüchteten geredet, glaubt er. „Man bekommt Hilfsbereitschaft nicht hin, indem man mit dem Finger auf Leute zeigt.“ Und hilfsbereit sind die Leute, darauf schwört er.“

So ein Drama – taz am Wochenende 21.10.2018. Sabine Seifert begleitete Georg Genoux fünf Monate lang bei der Verwirklichung seines Projekts.

 

Treff Hagenwerder

„Es war nur ein Teil der Aufführung, die die fünf alten Damen auf diesem Weg sehen konnten. Aber mit jeder Minute veränderte sich die Stimmung im nüchtern eingerichteten Raum der ASB-Stätte. Da es viel um Heimat geht in dem Stück, spielten auch Lieder der Heimat eine Rolle. Das Landeskronen-Lied aus Görlitz, das Oberlausitzlied. Bei beiden stimmten sie mit ein. Und dann erzählten sie einige Geschichten aus ihrem Leben in Hagenwerder; Geschichten, die hinter den Fassaden der Häuser spielten, die Georg Genoux als Modelle auf der Theaterbühne aufgestellt hatte. Wie Rosemarie Hiltscher, jetzt 91 Jahre alt, einst genau mit dem Umzug nach Hagenwerder schwanger wurde – nach 13 Jahren ungewollt kinderloser Ehe. „Das hat die dreckige Luft gemacht“, sagt sie und lacht. Denn dreckig war die Luft direkt gegenüber von Kraftwerk und Kohlegrube bis in die 1990er Jahre hinein allemal. Aber damals war einiges los in Hagenwerder. 3 000 Menschen lebten hier – jetzt gerade mal 700. Die alten Damen erzählen von ihrer Arbeit im Kraftwerk oder in der HO-Gaststätte am Ort. Alles lange, lange her. Damals, hat Georg Genoux von den Leuten in Hagenwerder erfahren, war die Arbeit nicht nur Broterwerb – sondern für die Menschen der Sinn des Lebens.“

Heimatgefühle im Tal der Vergessenen – Frank Seibel in der Sächsischen Zeitung vom 10.10.2018

Die alten Damen

„Georg Genoux hat Hagenwerder entdeckt. Den alten Kohlebagger, der als Industriedenkmal an der B 99 steht. Die Wohnblöcke aus den 1970er Jahren für die Bergleute und Kraftwerker. Er hat die leeren Fenster gesehen, aber auch die alte Dame, die sich, geschminkt, geschmückt, frisiert, aus dem Fenster lehnt und in die Welt schaut. Und er hat die kleine Kneipe des Görlitzer Ortsteiles entdeckt. „Da gibt es leckeren Hackbraten“, sagt er. Und dort trifft er auf die Menschen und ihre Geschichten: von der einst guten und gut bezahlten Arbeit im Tagebau oder im Kraftwerk, vom Niedergang der Industrie nach der Wende, von Arbeitslosigkeit, Scheidung, Suff. Aber auch von einer rauen Herzlichkeit. So zitiert er einen Stammgast in seinem Tagebuch: „Wir sind hier Kumpels wie Sau. Aber wenn man sich es hier mit uns verscherzt, kann es sehr lange dauern, bis man wieder dazugehören kann.“

In einem unbekannten Land – Frank Seibel in der Sächsischen Zeitung vom 01.10.2018

Mit Ali

Ostdeutsche sind irgendwie auch Migranten: Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen. Das setzt ähnliche Prozesse in Gang, beispielsweise die Verschönerung der Erinnerung. Dieses Festhalten an einer idealisierten Vergangenheit haben wir auch bei vielen Migranten. Auch die Erfahrung, sich für seine Herkunft zu schämen. Die Ankunft ist auch deswegen erschwert, weil die Anerkennung fehlt.

Naika Foroutan im Gespräch mit Daniel Schulz, am 13.05.2018 in der taz – am Wochenende

 

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“In Anbetracht der Weltlage, was Kriege, Hunger und Verfolgung angeht, werden wir uns darauf einrichten müssen, dass noch viele Jahre Menschen zu uns kommen, um in Deutschland Schutz zu suchen. Dabei treffen sie in ostdeutschen Städten auf Menschen, die sich selbst ohne Schutz oder eben von der Politik und Gesellschaft verraten fühlen. Diese begegnen den “Eindringlingen” oft mit Unverständnis bzw. sogar mit Hass.

Die Geflüchteten dagegen verstehen die Menschen und Sitten vor Ort nicht.

Auf einmal leben Menschen aus Afrika, Syrien oder dem Irak in Deutschland, wo ihre Werte nicht mehr als Werte, sondern als Abnormalität gelten. Gerade was die Rolle der Frau betrifft – um nur ein Beispiel zu nennen.

Die anderen waren schon immer an diesem Ort. Doch in vielen Gegenden bei Zittau, Bautzen und Hoyerswerda zum Beispiel fühlen sich die Menschen bei der Wende und Wiedervereinigung um ihre Zukunft betrogen und durch eine “Aberkennung ihrer Lebensleistung in der DDR um ihre Würde betrogen”. Dieses Lebensgefühl übertrug sich auch laut vieler Statistiken auf die Generation der 18 bis 30 Jährigen, die die DDR als Staat gar nicht mehr erleben konnten.”

Georg Genoux

Gerechtigkeit für Sachsen ist die erste Theaterinszenierung des Projektes: Im Jahr 2019 werden noch weitere folgen.

*Hinweis: Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt, nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter.

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