Afrikaner sind halt keine Slawen.

13. November 2018

7 afrikanische Jungs leben in einer Dachwohnung. Es ist ein betreutes Wohnheim für minderjährige Geflüchtete in Zittau. Sie leben allein oder zu zweit in ihren Zimmern. Zwei Küchen. Esstisch für alle. Tischfussball und Kraftraum Geräte. Eine große Sofaecke, die vor einem Plasmafernseher angeordnet ist, der Hauptsächlich als Playstation zum Soccer spielen benutzt wird.

Die meisten von ihnen leben schon über ein Jahr in Deutschland und versuchen auf verschiedene Art und Weise einen Schulabschluss zu machen.

 

Ich möchte die Jungs einladen, an meinem Theaterstück oder einem Kurzfilmprojekt teilzunehmen.

 

Mai 2018: Mein erstes Frühstück mit 7 afrikanischen Jungs in ihrem Wohnheim und einem ihrer Betreuer.

Ich habe Eis mitgebracht, was gut ankommt.

Coole Typen. Einige von ihnen sind richtige Rastaman und mit Muskeln bepackt. Eine Gruppe mit viel Humor, die gut unter einander zu flachsen wissen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bei Mädels in Kreuzberg in Berlin oder in Ottensen in Hamburg einen guten Schlag hätten. Auf die Frage, ob sie denn einer hier schonmal eine deutsche Freundin hätte, regieren sie beschämt belustigt. Wohl eher nicht…So in etwa.

Haben sie denn überhaupt Kontakt mit Deutschen  hier?

 

“Es sei kein Vertrauen da”, wiederholt ständig Alfa aus Sierra Leone. Er habe nie länger als 5 Minuten mit einem deutschen Mädchen gesprochen

 

Awel erzählt, dass er der einzige Schwarze in seiner Schule ist. Am Anfang hatten ihn alle wie eine Zirkusattraktion ohne Scham angestarrt. Später und bis heute wollen viele seine Rastazöpfe anfassen, ob sie auch echt seien.

 

“Wenn Du nur einmal die Woche auf der Straße einen Fuckfinger gezeigt bekommst, dann ist das eine gute Woche.”

 

“Am Vatertag sind wir zu unserer eigenen Sicherheit nicht auf die Straße gegangen”

 

“Wir haben Angst vor den Deutschen und die Deutschen haben Angst vor uns”.

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Ich erzähle über mich und was ich machen möchte. Auf die Frage ob sie in meinen Kurzfilmen mitmachen möchten, was darin besteht erstmal einen Nachmittag mit einem deutschen Jugendlichen zu verbringen. Ich erlebe eine gewisse Unruhe und nach der Initiative von Mohamed, den ich als Leader in der Gruppe ausmachten, sagen alle relativ schnell zu. Nur einer traut sich überhaupt nicht aus seinem Zimmer.

Ein besonderes Argument für die Teilnahme am Filmprojekt ist meine Bemerkung, dass auch Mädchen dabei sein werden.

 

Ich besuche sie regelmäßig, verbringe mit ihnen Zeit auf gemeinsamen Ausflügen. Lade sie zu individuellen Gesprächen ein. Versuche mit ihnen Geschichten über heute und ihre Vergangenheit zu entwickeln. Ich schließe sie in mein Herz, da sie sehr freundlich, sensibel und unterstützend miteinander umgehen.

 

Mit Mohamed kann ich aus sprachlichen Gründen kaum sprechen. Bevor wir uns das erste mal zu zweit trafen, schaute er mich mit seinen großen, gutherzigen, aber sehr traurigen Augen immer wieder an und wiederholte ständig drei Worte als Bedingung für unser Treffen: °Aber nicht so schwer”. Wenn ich ihn etwas frage, überlegt er lange und antwortet kurz.

 

Einige von ihnen erzählen mir, wie sie ihre Familien zurück ließen, wie sie Kameraden in der Wüste zurücklassen mussten und sahen, wie ihre Freunde aus dem benachbarten Schlauchboot ertrunken. Einer erlebte auf einem Schlauchboote, wie “per Los” andere Mitfahrer ins Meer geschmissen wurden, da das Boot zu voll war. Über Zittau und Sachsen wissen sie fast nie, was sie sagen sollen.

 

Von Tag zu Tag werden es weniger Jungs, die mit mir sprechen wollten. Der eine versteckt sich, der andere bekommt Bauchschmerzen und spielt lieber Soccer an der Playstation, der dritte lässt über die Betreuer jedesmal ausrichten, das er heute keine Lust hätte. Dabei sind sie immer sehr freundlich, doch geben sie mir auch in der Atmosphäre zu verstehen: Meine Art mit ihnen zu sprechen gibt ihnen nichts und stört sie nur. Sie wollen mir keine Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Sie beklagen sich zwar über die Sachsen, die sie so seltsam angaffen und mit ihnen nicht sprechen. Aber sie scheinen so wenig wie die Sachsen motiviert zu sein mit “anderen” zu kommunizieren. Oder zumindest mit mir nicht. Sie ziehen sich zurück und spielen Soccer an der Playstation.

 

Als ich sie zu einem Treffen mit zwei sehr netten SchülerInnen abholen will, kommen sie nicht aus ihren Zimmern.

Nur Alfa blüht in unseren Gesprächen auf, nachdem ich ihn mit Emma, einer deutschen SchülerIn bekannt gemacht hatte. Sie treffen sich oft.

Aber, was die anderen Jungs betrifft, muss ich akzeptieren, dass sie keinen Kontakt mit mir wollen. Ich bewundere trotzdem, wie liebevoll sie miteinander umgehen.

 

Habe ich bei slawischen Jugendlichen immer eine große Freude erlebt, dass ich mich für ihre Seelen interessiere, werde ich von den afrikanischen Jungs als Störenfried wahrgenommen. Afrikaner sind halt keine Slawen. Mit ihnen in den Kontakt zu treten, heißt für mich wohl wieder ganz von vorn anzufangen.

 

 

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