Der Kickboxer mit der Trompete

05. November 2018.

Ich fahre zur Kickboxschule Olbersdorf.

Spreche dort mit Rene Teuber, der am  nächsten Wochenende im Biergarten der Gaststätte Weinau auftritt.

Als ich den Keller hinunter in den Flur eintrete, repariert er gerade den Kaffeeautomaten.

Er ist der Sohn eines Alleinunterhalters mit Keyboard, den ich zwei Tage davor im Biergarten gesehen hatte. Sie treten abwechselnd oder gelegentlich auch gemeinsam auf. Sein Vater ist jetzt 71 Jahre alt. Er machte das auch schon vor der Wende, sein Leben lang. Vor der Wende in Bands, dann nach der Wende ging das mit den Bands bergab, denn es gab ja dann bald keine Arbeit und Geld mehr. Da haben dann alle angefangen Soloprogramme zu machen, wurden Diskotheker oder Alleinunterhalter.3

Nach 15 Minuten funktioniert auch der Kaffeeautomat wieder und der Kaffee ist fertig.

Rene Teuber hatte sich vor 15 Jahren mit seiner Kickboxschule selbstständig gemacht. Musikauftritte macht er so nebenbei, um sich ein wenig Geld dazuzuverdienen. Im Gasthaus, zu Geburtstagen und bei Beerdigungen. Bei Letzteren sei es besonders wichtig, immer die richtigen Noten zu treffen.

In seiner Kickboxschule kommen Menschen jeglichen Alters. Er hat verschiedene Gruppen. Die Jüngsten sind gerade einmal fünf Jahre alt. „Mit denen ist es aber oft etwas schwieriger, die lernen ja erst in der Schule, dass die anderen ruhig sein müssen wenn einer vor der Tafel steht“.

Er ist sehr stolz auf seine Schule, die er selbst geschaffen hat. Seine Frau macht die Buchführung. Die Kindeserziehung „teilen sie sich”. Sein Eltern standen und stehen immer hinter ihm, förderten seine Musik. In der Schule kommen die Menschen weniger um das Kämpfen zu lernen, sondern um sich fit zu halten. Zwischenfälle gab es noch keine. Nur einmal haben ein paar Idioten, die seine Club-T-Shirts anhatten, in der Umgebung rumgepöbelt. Die hat er natürlich rausgeschmissen.

„Beim Training haben die immer die Köpfe eingezogen, wenn mal mehr Action war, Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die soetwas machen. Sonst sind die Leute hier sehr ok”

Er versucht hier auch gerade zwei Jungs mit Drogenproblemen zu integrieren. Davon weiß sonst aber keiner. Muss auch niemand.

Urlaub macht er fast nur in Deutschland. „Es gibt so viele Stellen, die so wunderschön und noch zu entdecken sind”, sagt er.

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Viele aus dem Dreiländereck kaufen in Tschechien und Polen ein, um billiger zu leben. Das würde er nie machen. Er fährt zur Araltankstelle auf deutscher Seite. Der müsse doch auch seine Miete bezahlen können.

 

„Gut, dass die Menschen in Deutschland uns hier in Sachsen für Nazis halten, dann kommen wenigsten nicht so viele Ausländer her”

Er hat im Training auch tschechische und polnische Sportler, sowie einen Dunkelhäutigen zusammen, der auch schon starke Tuniere gewonnen hatte. Dessen Spitzname sei „Neger”.

Muslime nimmt er nicht mehr auf. Probiert hat er es mal. Die gucken immer so böse und sprechen dann beim Training nicht deutsch. Die will er hier nicht mehr haben und erklärt das auch regelmäßig den Ämtern, wenn die welche bei ihm „integrieren” wollen.

Nur muslimische Mädels jedoch würde er trainieren, damit sie sich gegen ihre Typen mal wehren könnten. Aber die dürfen ja nicht. Denen wird ja alles verboten.

Als er mal ein paar Muslims in seiner Schule hatte, hat er ihnen als ersten ein Mädel aus Moldavien als Sparingspartner geschickt: “Da haben die aber doof geschaut, als sie von der was auf die Mütze bekommen hatten”.

„Ich bin der Kickboxer mit der Trompete”

Die Musik hatte ihn sein ganzes Leben begleitet.

Wir sprechen ungefähr noch zwei Stunden und erzählen uns viel über unsere Familien. Ich habe das Gefühl, mit einem Menschen zu sprechen, dem ich ohne Sorge meine Geldbörse anvertrauen könnte. Er willigt ein, bei meiner Theaterinszenierung mitzuwirken.

Als ich hinausgehe, entdecke ich Zeitungsartikel an seiner Wand, aus denen hervorgeht, dass er 2010 Kickboxweltmeister wurde. Sein Schüler mit dem Spitznamen „Neger” bekam 2014 die Bronzemedailie bei der Weltmeisterschaft.

4 Monate später proben wir seinen Auftritt als Musiker in meiner Inszenierung „Gerechtigkeit für Sachsen“ am Gerhart – Hauptmann Theater in Zittau in einem Raum in seiner Kickboxschule. Wir diskutieren auf scharfe Weise die politische Lage in Deutschland. Dann lassen wir die Politik hinter uns und machen Musik. Er singt einfühlsam mit wunderschöner Stimme. Spielt Trompete. Geht in seiner Musik auf, als könnte dieser Mensch nie etwas mit „Kampf“ zu tun haben.

Am 03. Oktober stehen er, Ali aus Afghanistan, Bürger aus Hagenwerder und ich gemeinsam auf der Bühne.

Während der Aufführung zittiere ich ein Paar syrische geflüchtete Jugendliche. Die Jungs sehen echt gefährlich aus. Einer meint plötzlich „Heimat, ist dort, wo Mutti ist“.

Rene Teuber singt ein sensibles Lied über „die Mutter“, widmet es quasi so dem syrischen Jungen und meint:

„Heimat ist dort, wo man sich zu Hause fühlt.“

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