Der Junge aus Sierra Leone

17. Mai 2018.

Marktplatz in Zittau
© Felix Kriegsheim

Ich schlafe die Nacht sehr schlecht.

Und stehe anstatt um 7 Uhr erst um 9 Uhr auf. Um 10 Uhr muss ich schon mein Pensionszimmer räumen. Für eine weitere Nacht in Zittau muss ich in eine andere Pension ziehen, bevor meine kleine Auszeit in Berlin beginnt.

Ich brauche etwas länger Zeit, habe aber alles aufgeräumt und gepackt. Gehe noch schnell duschen.

Während ich noch unter der Dusche stehe, schlägt es 10 Uhr und der Haus- und Pensionsbesitzer Herr Zwahr kommt einfach mit dem Zimmermädchen in mein Zimmer, um aufzuräumen. Ich höre die Stimmen, teile ihnen durch die Badezimmertür mit, dass ich jetzt nackt aus dem Bad kommen werde. Sie verlassen den Raum.

Um 10.07 Uhr öffnet er nochmal die Tür. Ich stehe noch in Unterhose. Ich sagte zu ihm: „Zu Ihrer und meiner seelischen Gesundheit wäre es doch besser, wenn Sie jetzt die Tür schließen und mir zehn Minuten geben”.

Antwort: „Dafür gibt es Wecker.”

Mehr haben wir uns nicht mehr zu sagen. Das Zimmermädchen grüßt mich freundlich. Ich verschwinde.

Der Junge aus Sierra Leone

Ich treffe mich jetzt zum dritten mal mit Alfa aus Sierra Leone. Diesmal in einer Konditorei. Die dort arbeitende Kellnerin ist sichtbar bemüht, uns so nett wie möglich zu bedienen. Nachdem sie mich nach meinen Wünschen gefragt hatte, hakte sie sehr freundlich nach, was „er denn” haben möchte. Ich bitte die Dame, Alfa direkt zu fragen und sie schaffen die Bestellung dann auch für beide Seiten zufriedenstellend.

Über manche Dinge, die Alfa gesagt hatte, muss ich häufig nachdenken:

„Wir hatten Probleme in unserer Heimat gehabt. Besonders ich. Aber darüber will ich nicht sprechen. Es tut mir Leid.“

„Das erste, was ich von Deutschland gehört habe, war Mesut Özil. Er gefällt mir sehr. Und Arsenal ist mein Lieblingsverein. Aber Mesut Özil kommt ja aus Deutschland“

„Ehrlich gesagt, möchte ich ein Mädchen in Zittau kennenlernen. Ihre Schönheit ist nicht so wichtig. Ich möchte einfach eine nette Freundin haben. Ich bin da ganz langweilig. Ich möchte einfach eine Freundin haben. Egal ob sie schön ist oder nicht. Sie soll sich gut unterhalten können und nicht immer böse sein.

Aber ich habe in Zittau bisher kein Mädchen auf der Strasse gesehen, dass mir gefällt. Ich könnte hier nie ein Mädchen auf der Straße oder in der Bahn ansprechen, denn die Menschen sehen hier immer irgendwie böse aus. Es hat mich hier bisher nie ein Mädchen angelächelt.

Es ist schon schwierig genug, deutsche Freunde hier zu haben. Ich habe nie länger als zehn Minuten mit jemanden in meinem Alter gesprochen. Es gibt kein Vertrauen. Das geht hier irgendwie nicht in Zittau. Ich weiß nicht, wie man hier die richtigen Leute kennenlernen kann.

Als ich in Zittau ankam, hat mich ein Polizist direkt ausgeschimpft, und meinte, dass ich hier in Deutschland wohl ins Paradies wolle. Später bin ich auf auf dem Marktplatz in Zittau Spazieren gegangen und ein Mann im Auto hat mir im Vorbeifahren einfach so den „Fuckfinger“ gezeigt. Ich habe nichts gemacht. Ich bin einfach weitergegangen. Andauernd werde ich hier angestarrt.

Anderen Afrikanern tut das sicher weh. Mir ist es egal. Ich kenne diese Probleme noch aus meinem Land. Wir haben verschiedene Stämme und wir machen das auch. Das ist nicht fremd für mich.

„Ich komme aus Sierra Leone. Wir haben sieben Million Einwohner und 17 Stämme. Wir haben jetzt keinen Krieg, aber die Menschen beschimpfen sich.“

„Ich werde in Sierra Leone oft beschimpft, denn meine Mutter kommt aus Guinea. Mein Vater kommt zwar aus Sierra Leone, aber ich sehe wie jemand aus Guinea aus. Ihr aus Europa könnt uns nicht unterscheiden, aber die Menschen in Sierra Leone können das.

In der Schule waren die anderen Schüler immer verwundert, dass ich so gut Englisch sprechen konnte und glaubten mir nicht, dass ich aus Sierra Leone komme: “Geh zurück in Dein Land”. Sie haben noch viel schlimmere Sachen zu mir gesagt. Aber immer, wenn jemand etwas böses zu mir gesagt hatte, dachte ich an einen Gospel Song von Coco Jones von und dann ging es mir wieder gut.

Ich weiß nicht, warum sie Menschen aus Guinea nicht mögen. Es ist wie hier in Deutschland. Niemand mag Ausländer. Nicht nur in Deutschland, sondern überall.

Die Ausländer kommen in mein Land. Und nehmen zum Beispiel unsere Arbeit, unser Essen oder unsere Girls oder so, weg.

Deshalb ist der Hass auf mich nicht fremd für mich. Die Menschen hier in Sachsen sind bestimmt nett – haben aber ein Problem mit dem Vertrauen. Ich habe kein Problem in Sachsen zu leben. Wenn es nicht schlimmer wird. Dann würde ich lieber in Baden-Württemberg leben. Oder in Berlin. Da gibt es Multi-Kulti. Also. solche Probleme gibt es dort nicht.

An meinem ersten Schultag hier, wurde ich von einem deutschen Mädchen gefragt, warum ich schwarz sei. Ich antwortete ihr: Gott hat es mir nicht gesagt.“

(Aus Sicherheitsgründen für ihn wollte Alfa nicht, dass wir ein Foto von ihn veröffentlichen).

 

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