Alfa spricht mit Emma und Ali mit einem Baum

23. Mai 2018.

Mittags.

Ich versuche vergeblich die Tierpflegerin im Zoo anzusprechen. Immer wieder verschwindet sie dort, wo ich nicht hin kann. Ich habe das Gefühl, dass besonders die Kamele meine Versuche spöttisch verfolgen.

Als ich sie dann zufälliig an der Kasse abpassen konnte, scheint sie sehr erschrocken. Ein Gespräch müsse erst mit der Zooleitung abgesprochen werden.

Am frühen Abend.

Ali und ich sitzen im Cafe der Hillerischen Villa. Ich trinke Bier. Ali entscheidet sich für eine Limonade. Das ist dann „näher dran an Ramadan”.

Ali erzählt mir folgende Geschichte:

“Ich war im Wohnheim in Hirschfelde. Wir waren zehn Jungs, aber niemand hat miteinander geredet. Wir kannten uns nicht. Eine Woche lang war ich in meinem Zimmer. Im Zimmer, in der Küche und Toilette. Dann wieder im Zimmer.

Danach wollte ich rauskommen. Ich wollte an die frische Luft. Ich wollte den Himmel sehen. Ich wollte was anderes sehen.

Alfa und Georg Genoux in Zittau
© Felix Kriegsheim

Da habe ich gesehen, dass es um uns herum nur Bäume gibt. Wenn man auf der Straße steht, kommt vielleicht nach drei Stunden ein Autor vorbei. Da war eine lange Straße, die nach Ostritz führt. Man kann auf ihr Fahrrad fahren, rennen und laufen.

Ich bin auf dieser Straße gerannt und wollte das Ende sehen. Aber drei Minuten: Bäume. Zehn Minuten Bäume. 40 Minuten Bäume. Außer den Bäumen habe ich nichts gesehen.

Georg und Ali im Gespräch
© Felix Kriegsheim

Diese Straße wurde zu meiner Lieblingsstraße, zu meiner Sportstraße. Meine „Allein-Zeit Straße”. Wenn ich weinen wollte, war ich auf dieser Straße. Immer wenn ich nervös und unruhig wurde, lief ich durch diese Straße. Und es waren immer nur Bäume dort.

 

Und man beginnt mit den Bäumen zu reden.
Ich bin allein hier.
Was soll ich machen?

Ich habe zwischen den Bäumen gestanden und geweint, weil ich allein war. So habe ich mit den Bäumen angefangen zu reden. Ich war sehr wütend und nervös.  Ich habe sie immer wieder gefragt, warum ich hier allein bin. Warum kann keiner mit mir reden? Warum kann keiner meine Sprache? Ich wusste auch nicht, dass es Zittau gibt oder den Olbersdorfer See.

Dann habe ich Tobias kennengelernt. Er war Betreuer. Er war auch ein Renner. Dann sind wir zusammen im Wald gerannt.

Es ging auch den anderen Jungs so. Später haben wir immer wieder Spaß gemacht: „Wir haben viele neue Freunde hier gefunden. Das sind die Bäume”.

Dann kommt der für mich aufregendste Teil des Tages.

Ich hatte Alfa gleich beim ersten Treffen versprochen, dass ich ihn mit einem deutschen Mädchen bekannt mache, um dann gemeinsam einen Kurzfilm übereinander zu drehen. Einer Schülerin aus der alternativen Schule in der Oberlausitz. Bis dahin bekam ich nur Absagen von deutschen Jugendlichen, sich mal mit einem meiner jungen afrikanischen Freunde zu treffen.

Emma ist tatsächlich zu unserem Treffen gekommen. Wir treffen uns mit ihr etwas früher, um die ganze Sache zu besprechen. Ein sehr hübsches Mädchen. Sie interessiert sich für Kunst und ökologischen Landbau. Es hatte sie sehr berührt, als ich ihr am Telefon erzählte, dass ich hier mit afrikanischen Jungs unterwegs bin, die nie im Leben in Zittau länger als zehn Minuten mit einem Gleichaltrigen geredet hatten. Ich frage sie ob sie sich vorstellen könnte, einen dunkelhäutigen Freund zu haben. Sie überlegt lange. Nur wenn er ihr sehr wichtig wäre, denn sie müsse dann dafür hier einstehen.

Später kommt Alfa dazu.

Beim Treffen ist Emma sehr nett zu Alfa. Er ist zuerst sehr nervös. Das Gespräch führt Emma. Immer wieder versichert sie sich mit einem Blick zu mir, ob ihr Sprechen “in Ordnung sei”. Schließlich taut er auf. Er spricht plötzlich sehr offen, wie sehr er sich in Sachsen unwohl fühlte.

Sie erzählen sich viel übereinander, sein Deutsch wird immer besser. Am Ende des Treffens vernetzen sie sich über facebook, Instagram und Whatsapp.

Wir sprachen viel darüber, wo man feiern und tanzen kann. Es gebe in Tschechien tolle Technokonzerte im Wald, meint Emma. Sie würde aber auch nicht wissen, ob Alfa dort sicher wäre. Sie überlegt, wo sie Alfa mal mit zum Feiern nehmen könnte. Emma und Alfa bleiben deshalb über soziale Medien in Kontakt.

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