Schlagerparty in Zittau

16. Mai 2018.

Laut meiner App, und dem Fußweg-Navigator braucht man 22 Minuten zum Tierpark. In Zittau kommen einem selbst 22 Minuten wie eine halbe Ewigkeit vor.

„Kaffee Konzert mit Eckhart Teuber“,
steht auf dem Biergartenschild des
Wirtshauses „Zur Weinbau“ im Tierpark

Auf Bänken unter Sonnenschirmen versammeln sich ungefähr 50 grauhaarige Senioren. Bier, Kaffee, Limonade und vereinzelt deftiges Essen sind auf den Holztischen zwischen den Bänken serviert.

Speisekarte im Zittau
© Felix Kriegsheim

Alle schauen auf Eckhart Teuber, der hinter seinem Syntesizer die Hits der 80er und 90er Jahre spielt und singt. Hinten links von ihm steht auch sein Mercedes Kombi mit der Aufschrift “Kickboxschule Olbersdorf”. Es scheint der Bruder des Sängers zu sein, mit dem ich mich für Dienstag verabredet hatte.

Eckhart Teuber ist ein bulliger, sehr kräftig gebauter Mann. Mit guter Stimme. Er singt deutschen Schlager von Udo Jürgens.

An Tom Jones kann er sich gut erinnern und erzählt: In seinen jungen Jahren konnte sich Tom Jones gar nicht vor der Unterwäsche seiner zahlreichen weiblichen Fans retten. Die schmissen ihre BHs und Schlüpfer einfach auf die Bühne. Irgendwann habe er aber darum gebeten, damit aufzuhören – da mit den Jahren auch „die Konfektionsgrößen immer größer wurden”.

Dann bittet er die „feschen Mädels” im Publikum (er meint damit die anwesenden älteren Damen) davon abzusehen, dasselbe zu tun. Er sei erstens schon vergeben und zweitens seien wilden Jahre schon längst vorbei.

„So und jetzt noch ein Lied von Tom Jones – natürlich. Auf Wunsch von der Toilettendame. Es heißt: „Help yourself“ … es geht da wohl um die Herrentoilette“

Zwischen den Liedern wirbt er immer wieder für seine Visitenkarte, frotzelt mit den stämmigen Würstchenverkäufer Uwe und reißt weitere Witze. Besonders begeistert nimmt das Publikum sein Gedicht über das Trinken auf:

„ … die Sau war nie blau. Der Hund macht den letzen Japs – mit nur 15 Jahren auch ohne einen Schnaps. Das Pferd tut sich auch ohne Promille übergeben …

.. aber der Mensch tut sie alle auch mit viel Alkohol überleben”

Dann wird das Lied „Prosit auf die Gemütlichkeit“ gesungen. Die vier älteren Damen mit Topfhaarschnitt und Rentnerjacke auf der Bank vor mir, schunkeln und singen mit.

Eckhart Teuber zur Menge:  „Prost, ihr Säcke!”
Menge zu Eckhart Teuber: „Prost, du Sack!”

Ich fühle mich mit meiner Rhabarberschorle sehr fehl am Platz. Ich glaube, dass ich durch meine Art zu sprechen, mein Bewegung und meine Kleidung sichtbar nicht hierher und vor allem nicht dazu gehöre. Ich denke ich falle auf. Die Lausitzer haben so ein Talent, einen genau zu beobachten und zu studieren, ohne dabei überhaupt jemanden anzusehen.

Ich höre das ja auch, wie die vier Damen vor mir, Bekannte und Fremde studieren und besprechen. Es bleibt meistens kein gutes Haar an ihren Beobachtungsobjekten.

Georg Genoux wartet auf die Tierplfegerin
© Felix Kriegsheim

Was werden sie über mich sagen, nachdem ich verschwunden bin?

Was wäre hier los gewesen, wenn ich zusammen mit den afrikanischen Jungs, mit denen ich mich jetzt regelmäßig treffe, aufgekreuzt wäre?

Nach der Feier im Biergarten beobachtete ich im Tierpark sehr lange eine Tierpflegerin, die sich mit großer Liebe und Geduld um ein paar Schweinchen kümmerte. Ich stehe dabei im “Streichelgehege” und ignoriere ein Schaf, das seit einiger Zeit versuchte, mit mir Kontakt aufzunehmen. Als ich losging, boxte es mir mit seinen Hörnern spürbar in die Unterbeine …

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